Zitronenpresse. o.T. 2001. Wachshohlguss, Spanplatte, 21x15x13. Und: Pudding 002. ©: D. Froelich.
Restauration a.a.O. – KUNST KOCHEN

Ein Tipp von Dr. Julia Helmke.
Kulturbeauftragte der Ev.-Luth. Landeskirche Hannovers.
Haus kirchlicher Dienste, Hannover.




"Die Abkürzung a.a.O. stammt aus dem wissenschaftlichen Zitieren und steht für am angegebenen Ort. (…) Man könnte die Restauration a.a.O. als ein Gedankengebäude bezeichnen, das zu unterschiedlichen Zeiten an verschiedenen Orten errichtet werden wird.
Dabei kann es sich um ein leer stehendes Ladenlokal, eine Werkstatt, eine Galerie, ein Museum oder ähnliche Orte handeln, an denen die mobile Küche installiert ist.
Die Anzahl der Gäste, die an der gemeinsamen Tafel Platz findet, ist abhängig vom Ort und der Art der Speisen.( …)
Restauration bedeutet auch Wiederherstellung. In diesem Sinne sind auch Speisen zu erwarten, die in unserer Küche vorhanden waren, aber mittlerweile fast vergessen sind. Dabei geht es nicht um ein nostalgisches Erinnern an die Rezepte unserer Großmütter, sondern um das Erforschen von Archetypen unserer Speisen. (…) Bei aller Freude am Diskurs wird der Schwerpunkt der verschiedenen Veranstaltungen aber immer bei der schmeckenden und nicht bei der redenden Zunge liegen. (…)".

Aus : http://www.dieterfroelich.de/restauration/seiten/fset_aao.html

Einen Schwerpunkt seiner künstlerischen Arbeit als „Restauration“ zu bezeichnen ist ein Wagnis, das der in Hannover lebende Plastiker Dieter Froelich bewusst eingeht. Restauration ist ein geschichtsphilososophisch seit dem 19.Jhd. fast durchgehend negativ geprägter Begriff, assoziiert mit Schwere und reaktionärer Rückständigkeit; zugleich steht er für eine Speisegaststätte, die ganz keck nicht nur ein Restaurant, sondern eine Restauration sein will. In Froelichs Aufnahme ist es darüber hinaus eine Restauration, die ihr Heil gerade nicht in einer wieder erkennbaren räumlichen Traditionsbeständigkeit sucht, sondern a.a.O. agiert, unvorhergesehen, mobil und vielleicht gerade dadurch die Freude am Essen (wieder) herstellen kann und an einen gedeckten Tisch einlädt. 

Bereits an dieser Wortwahl, an seinem Umgang mit  Begriffen, seinem Arbeiten mit Wort und Bild, lässt sich viel für Dieter Froelichs künstlerischen Ansatz erkennen.
Es sind die einfachen, großen, bleibenden Fragen, die Dieter Froelich antreiben: Was ist die Form? Was ist der Inhalt? Und wie bedingt einander beides? Oder gibt es gar nichts Bedingtes oder Unbedingtes, sondern nur die Dinge?

Und so finden wir beispielsweise Cremedosen und Töpfe, Zitronenpressen und Vasen,  - allesamt Behältnisse, die dafür geschaffen sind, etwas aufzunehmen. Allerdings: Sie haben ihre Funktion verloren, ihre Bedeutung hat sich durch den Abformprozess und den Wechsel des Materials verflüchtigt. Zurück bleibt die Form. Und vielleicht doch auch noch mehr?
„Nur was man nicht beschreiben könne rechtfertige es, plastisch formuliert zu werden“ ist ein Leitmotiv von Froelichs Werk, das im letzten Jahrzehnt immer stärker zu einer Form gefunden hat, die desto mehr auf Mitteilung verzichtet, je mehr sie einfach da ist.

In diesem Zusammenhang ist das Projekt „Restauration a.a.O“., das seit 2003 existiert, in keiner Weise als Koch-Event oder Erlebnisgastronomie zu verstehen. Sie gibt den Formen Inhalt und Raum, lebt von der Präsenz vergänglicher Speisen und der anwesenden speisenden Gäste als auch von der Wahrnehmung der Tafel als künstlerische Gesamtplastik. Die Präsentation und Positionierung des Geschirrs werden ihm zu einem skulpturalen Ensemble, das Anrichten und Darreichen der Speisen selbst zu einer künstlerischen Installation.
Das steril weiße Geschirr der „Restauration a.a.O.,“ das für den Gebrauch geeignet ist,  gesammelt und gefertigt wurde, begegnet in der Wiederaneignung durch den Plastiker Dieter Froelich durchaus in einer Umformung, oder eher einer Urformung. Denn: was ist beispielsweise ein Teller für uns? Ein Alltagsobjekt, ein Stück Individualität, Rahmen und Leinwand oder gar Boden für die Inkorporation eines Welt-Fragmentes? Die Speisen selbst werden zurückgeführt auf universelle Prinzipien des Kochens, wie Gemengsel und Gehäcksel etwa, Innen und Außen oder Eintopf.
In seinen Nachforschungen ist er dabei immer wieder auch auf biblische Spuren von Essen und Trinken gestoßen, hat sie verarbeitet zu Plastiken, die einen neuen Zugang eröffnen zu dem Unbedingten in und hinter Form und Inhalt. Eine utopische demokratische Mahlgemeinschaft ist es, die für Dieter Froelich möglich werden kann, nun doch diesseits jeder Botschaft.

„Gemeinschaftsmahl und Mahlgemeinschaft“ unter diesem Titel steht der diesjährige Kunstempfang „Aschermittwoch der Künste“ der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers. Dieter Froelich ist eingeladen  eine „Restauration a.a.O.“ zu gestalten. Der renommierte Kunstverein Hannover ist Kooperationspartner und wird Veranstaltungsort.

Wir sind gespannt, wie nach Vorspeise und Hauptspeise biblische Bezüge und Perspektiven mit dem subjektiven künstlerischen Anspruch ins Gespräch zu bringen sind, um nicht nur Theologie und Kulturgeschichte, sondern auch die gegenwärtigen Anknüpfungspunkte im Dialog zwischen Kirche und den Künsten zu verkosten. Und wer weiß – vielleicht weht auch ein Hauch von „Babettes Fest“ in das von Conrad Wilhelm Hase erbaute ehrwürdig-lebendige Künstlerhaus der niedersächsischen Hauptstadt.

Homepage des Künstlers: Mehr

Dr. Julia Helmke

Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers - Archivstr. 3 - 30169 Hannover