©: Sandra Riche. "Er verschafffte sich neue Einsichten. 2005". Und: "Passage 2005-2009"; mit Teilansicht.
Ein Monatstipp.
Vorgestellt von: Dr. Frank Hiddemann.






Sandra Riche wurde 1971 in Aubervilliers (Frankreich) geboren und studierte an der Sorbonne in Paris und der FU Berlin Sprachen sowie in Grenoble und Düsseldorf Kunst und lebt nun in Berlin. Sie arbeitet gern ortsspezifisch. Ich stelle sie mit zwei Arbeiten vor, die mich auf unterschiedliche Weise faszinieren.

Die Arbeit „Er verschaffte sich weitere Aussichten“ ist temporäre Installation in einer Zelle der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des MfS Erfurt Andreasstraße. Ein Untersuchungsgefängnis ist ein Schwellenraum zwischen Freiheit und entschiedener, dann meist zeitlich begrenzter Haft. Der Aufenthalt im Zwischenraum kann sich hinziehen oder abrupt zu Ende sein. Es gibt Gründe sich vergessen zu fühlen, die Ungeklärtheit der Situation kann Nerven aufreibend sein und dies wurde gerade gegenüber politischen Gefangenen gezielt ausgenutzt.
Die Installation von Sandra Riche ist halluzinativ, bzw. ein Nachbau einer Halluzination. Muscheln sind in die Wände eingelassen, aber nicht so gemütlich archaisch wie der Rumpf eines Schiffswracks mit Muscheln besetzt ist. Manche sind scheinbar noch nicht durchgebrochen, spannen noch unter der Oberfläche der Wandfarbe, andere offenbaren ihr rosafarbenes oder zart violettes Inneres und spreizen ihre exotischen Arme wie Seeanemonen unter Wasser. Die lebendig gewordene Wand ist bedrohlich, als stecke man im Inneren eins Tieres, das jeden Moment aufwachen könnte. Ein Schwellenraum zwischen Wahnsinn und der Realität, welche einen unaufhörlich aus sich heraus treibt. Ein eigener Raum kann einen retten, Widerstand ermöglichen, er kann aber auch den Abfall in die Abgründe des Selbst bedeuten.



Für ihre Arbeit in der Süßenborner Dorfkirche „Zu den vierzehn Heiligen“ geht sie an den denkbar zentralen Ort des Kirchenraums, den Altar. Wo sonst ein „Parament“ hängt, ein Stück Tuch, das den „Tisch des Herrn“ bereiten soll, läuft nun ein Film.

Das Video „Passage“ zeigt ein Motiv, das sich nicht bewegt. Durch wechselndes Licht und eine bewegte Oberfläche ist es dennoch kontinuierlichen Veränderungen ausgesetzt. Der Gegenstand selbst ist nicht klar erkennbar. Ist es ein Schiff unter Wasser, eine Art Tor, ein Doppelkreuz? Das Licht, das über die Oberfläche streicht, erhellt einige Areale, gibt aber niemals genug Aufschluss, um einen Erkenntnisprozess begründet abzuschließen.
Durch den Kontext der Arbeit nimmt dieses stille Bewegtbild verschiedene Beziehungen auf. Der Name des Ortes Süßenborn verbindet sich mit einer Quelle. Der Taufstein steht in unmittelbarer Nähe des Altars. Die Taufe verwendet das Element Wasser als Symbol des Todes und des neuen Lebens. Durch den Eintritt in die Sphäre des Todes (Untertauchen) gelangt der Getaufte in der Logik des Rituals in ein neues Leben.
Als autonome Kunst an einem liturgisch aktiven Ort lässt das Video einen eigenen Bildraum entstehen. Ein eigenartiger Sog lässt bei der Betrachtung der Arbeit den Altarraum vergessen. Wenn das bewegte Bild zur Gewohnheit wird, kann es Momente lang wie ein Parament wirken und den sonst stummen Altarraum in Bewegung bringen.

Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers - Archivstr. 3 - 30169 Hannover