M. Morgner: Kreuz-Collage. Holz, Asphalt, Seidenpapier; um 1995. ©: M. Morgner
Ein Monatstipp.
Vorgestellt von: Angelika Busse.

Das Kreuz besteht aus zwei Hälften. In ihm ist eine Form eingeschlossen. Sie gleicht einem menschlichen Embryo. Diese ist aufgebrochen und wird zum Dreh- und Angelpunkt, wird praktisch zum Scharnier der vier gleichschenkligen Kreuzesarme.



Die haptisch-sinnliche Oberfläche hat viele Schichten und deutet gleich einer sensiblen Haut auf Zeichen, die Spuren gelebten Lebens zeigen, auf Verwundungen und verheilte Narben, auf helle lichte Stellen und tiefe Verkrustungen. Diesen Einschluss, das für Michael Morgner so typische schwarze Chiffre nennt er RELIQUIE MENSCH. Es verdeutlicht die Kostbarkeit menschlichen Lebens, vielleicht auch den Überrest persönlicher Existenz. Sie ist gleichsam umhüllt von den kraftvollen Kreuzesarmen, liegt eingebettet in dessen Schutz, aber wirkt auch antreibend wie ein Zahnrad und bringt so das Kreuz in Bewegung.

RELIQUIE MENSCH, was bedeutet das? Seit Jahren beschäftigt den Künstler dieses Thema. Der Mensch als Reliquie, als Überrest des Heiligen, etwas, das man verehrt und in einem kostbaren Schrein bewahrt. Für Morgner ist das ein Sinnbild des gefährdeten Menschen, seine Zerbrechlichkeit und Verletzbarkeit und auch die reale Vision des Verschwindens, als Individuum wie als Gattung, nicht an ein politisches System gebunden. Hier steht das Kreuz auf dem ältesten Altartisch des Meißner Domes in einem kleinen Kapellenraum. Es existiert noch zweimal in Bronze.

Infos zum Künstler:
Michael Morgner ist 1942 in Chemnitz geboren.
M. Morgner auf Wikipedia: Mehr

1961-1966 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig, Diplom. Seit 1966 freischaffend.

1969 Ablehnung des konventionellen, am sogenannten „Sozialistischen Realismus“ orientierten Lehrstoffes.

1977 Mitbegründer der Künstlergruppe „CLARA MOSCH“. Die Produzentengalerie wird zu einem überregionalen Forum für Aktionen oppositioneller Künstler. Schwere            persönliche Erkrankungen und Sterbefälle in der Familie führen zur Auseinandersetzung mit dem Thema Tod.

1988 nimmt Morgner nicht an der X. Kunstausstellung teil, sowie Austritt aus dem VBK.

1989 Nach der Wende große Ausstellungen im In- und Ausland (u.a. Martin-Gropius-Bau, Berlin, Oslo, Diözesan-Museum Trier und Würzburg). Gründungsmitglied der Sächsischen Akademie der Künste Dresden und der Freien Akademie Leipzig. Immer konsequenterer Umgang mit der Bildfläche.

Ab 1996 Arbeit an erster Großskulptur aus Stahl.

2001 liegt mit der Ausstellung „Grafik aus 4 Jahrzehnten – 1962 bis 2000“ und einem Werkverzeichnis der Druckgrafik erstmalig eine vollst. Sammlung aller Druckgrafiken vor. Fertigstellung eines der Hauptwerke: „Kemberger Altar“.

Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers - Archivstr. 3 - 30169 Hannover